Nehalennia speciosa
Familie:
Coenagrionidae
Schlanklibellen
Gattung:
Nehalennia
Zwerglibellen
DE:
Zwerglibelle
EN:
Sedgling
Pigmy Damselfly
FR:
Néhalennie précieuse
Déesse précieuse
IT:
Codazzurra pigmea
Dea preziosa
Wissenswertes
Kleinste und zierlichste Libelle Europas. Wenig flugfreudig und in der dichten Vegetation oft schwer zu entdecken. Beim Aufscheuchen fällt vor allem das blaue Schlusslicht auf. Es ist bei dieser Art nicht verwunderlich, dass sie bei uns viele Jahre als verschollen galt, bevor sie im Jahr 2007 am Neuenburgersee neu entdeckt und am Pfäffikersee 2008 wiedergefunden wurde.
Merkmale
-
Gesamtlänge: 24–26 mm (kleinste Libellenart der Schweiz)
Insgesamt sehr schlank und zierlich, mit kurzen Flügeln und hellen Flügelmalen. Ausgefärbte Tiere metallisch grün, Thorax und Abdomen unterseits hellblau. Hinterkopf mit hellblauer bogenförmiger Linie, S8–S10 oberseits hellblau gefleckt, erscheinen wie ein blaues «Schlusslicht». Keine runden Postokularflecken, keine Antehumeralstreifen und S10 ohne Schwarz. Augen je nach Alter und Geschlecht verschiedenfarbig: blau, hellgrün, braun oder zweifarbig mit dunkler Oberseite. Frisch ausgefärbte Männchen und Weibchen sind identisch gefärbt, die Weibchen verfärben sich im Alter stark.
Männchen
Siehe Artmerkmale.
Weibchen
Selbe Merkmale wie Männchen. Bei älteren Weibchen verfärben sich die hellblauen Zeichnungselemente zu orange und braun.
Jungtiere
Zeichnung und Muster gleich wie bei den Adulten, Farben blass.
Belegfoto
Sicht auf Hinterleibs-Oberseite und Hinterkopf.
Verbreitung
Starke, flächengrosse Populationen gibt es nur weit im Nordosten Europas. In Mitteleuropa, am südwestlichen Rand des Verbreitungsgebiets, sind die Populationen stark fragmentiert, an der Arealgrenze sind sie meist vom Aussterben bedroht.
Vor 1990 waren 16 Vorkommen aus dem Kanton Zürich, eines aus dem Kanton Bern und eines aus dem Kanton Thurgau bekannt. Von 1991 bis 2006 galten alle bekannten Populationen als ausgestorben. Erst im Jahr 2007 wurde eine Population am Neuenburgersee (Kanton Waadt) neu entdeckt und 2008 eine am Pfäffikersee (Kanton Zürich) wiedergefunden. Beide Fundorte liegen unter 600 m.
Biologie
Phänologie
Schlupfperiode: Mitte Mai bis Anfang Juli. Höhepunkt um Mitte Juni.
Flugzeit: Anfang Juni bis Ende August.
Lebensraum
Nehalennia speciosa besiedelt in der Schweiz ausschliesslich überflutete Seggenwiesen und mit Seggen bewachsene oligo- bis mesotrophe Schlenken in Zwischenmooren mit ganzjähriger Wasserführung und durchschnittlich 10 cm Wassertiefe. Das Wasser ist leicht bis mässig sauer, weich, etwas mineralisch und erwärmt sich im Sommer stark. Die Vegetation hat einen Deckungsgrad von höchstens 70% und ist durchschnittlich 35 bis50 cm hoch. Die beiden Wasserschlaucharten Utricularia intermedia und U. minor sind gute Zeiger für Zwerglibellenstandorte. Bei beiden bekannten Schweizer Vorkommen liegt die Vegetationsdecke mit den Fortpflanzungsgewässern auf einer rund zwei Meter dicken Schicht aus Wasser oder Torfschlamm auf. Während Trockenphasen kann diese Decke mit dem Wasserspiegel absinken. So bleibt der oberflächliche, seichte Wasserkörper bestehen.
Lebensweise Imagines
Die Reifungszeit verbringt Nehalennia speciosa unweit vom Schlupfort entfernt im dichten Gewirr von Seggen oder in grasartiger Vegetation mit dünnen Halmen. Reifungs-, Jagd- Ruhe- und Fortpflanzungshabitat liegen sind praktisch identisch. Die Art ist wenig flugfreudig und sehr ortstreu.
Nehalennia speciosa lebt versteckt und hält sich meist gut getarnt in dichter Vegetation auf. An sehr warmen Tagen ist sie nur am Morgen und am späteren Nachmittag hoch in der Vegetation zu finden. Um die Mittagszeit verkriecht sie sich in untere Vegetationsschichten, wo sie vor starker Sonneneinstrahlung geschützt ist. Männchen warten auf Halmen sitzend oder wellenartig durch die Vegetation fliegend auf Weibchen. Nachdem die Paarungspartner voreinander auf- und abgetanzt sind, wird das Weibchen in der Luft vom Männchen ergriffen. Die Paarung dauert bis zu drei Stunden.
Die Eiablage erfolgt meist ohne angekoppeltes Männchen in abgestorbene Blätter oder Halme von Seggen.
Der Schlupf erfolgt an Seggen oder Torfmoosen, bis zu 20 cm über der Wasseroberfläche.
Lebensweise Larven
Nehalennia speciosa überwintert im Larvenstadium, die Entwicklung dauert meist ein selten zwei Jahre. Die Larven halten sich im seichten Wasser zwischen abgestorbenen Seggen, Wasserschläuchen und Moosen auf, an Stellen wo kaum Feinde und Konkurrenten vorkommen.
Gefährdung & Schutz
Nehalennia speciosa ist in der Schweiz vom Aussterben bedroht (CR) sowie auf der Liste der National Prioritären Arten mit dringendem Handlungsbedarf. Hauptgefährdungsursachen sind das Austrocknen von Entwicklungsgewässern, die Veränderung der Vegetation durch Sukzession, Nährstoffeinträge sowie die Beschattung durch Gehölze und Schilf. Europaweit ist die Art potenziell gefährdet.
Wichtigste Massnahme ist die Erhaltung der beiden aktuellen Vorkommen. Dabei soll unbedingt verhindert werden, dass sich der Grundwasserstand absenkt. Grossseggenbestände sollen regelmässig gemäht, Schilf bekämpft, beschattende Gehölze gerodet und nährstoffreiches Wasser abgeleitet werden. Zusätzlich sollen die Populationen, die Entwicklung der Vegetation und die hydrologischen Verhältnisse regelmässig überwacht werden.
Status Schweiz
-
Rote Liste CH:CR - Vom Aussterben bedroht
-
NHV:Geschützt
Artenschutzblatt
-
DE:
-
FR:
-
IT:
nessuno
Ähnliche Arten
Die grösste Ähnlichkeit hat Nehalennia speciosa mit kleinen Individuen der Kleinen und Grossen Pechlibelle (Ischnura pumilio und Ischnura elegans). Dabei sind frisch ausgefärbte Tiere beider Geschlechter vor allem mit Männchen, alte und teils sehr dunkle Weibchen dagegen eher mit den Weibchen der Kleinen Pechlibelle (Ischnura pumilio) zu verwechseln. Wegen der metallisch grünen Grundfarbe kann es auch zu Verwechslungen mit Binsenjungfern (Lestes spp.) kommen. Diese sind jedoch grösser.
Kleine Pechlibelle – Ischnura pumilio
Grundfarbe schwarz, kein metallisches grün. Runde Postokularflecken statt durchgehend heller Strich zwischen den Augen. Flügelmal rautenförmig.
M: Mit blauem Schlusslicht auf S9 und hinterer Hälfte von S8, S10 dagegen schwarz. Flügelmal auf Vorderflügeln zweifarbig.
W: Kein «Schlusslicht», Vulvardorn an S8.
Binsenjungfern – Lestes spp.
Grösser (>30mm), langes rechteckiges Flügelmal, Flügel in Ruhestellung meist abgespreizt.